Schaumstoff aus Ledermüll schont Gesundheit

Falzspäne in einer Gerberei. Wolfgang Coutandin nutzt das Abfallprodukt für seinen Ökoschaumstoff. (Bildquelle: Wolfgang Coutandin)

Ausdünstungen aus Schaumstoffen sind eine Gesundheitsgefahr, ist Wolfgang Coutandin aus Görlitz überzeugt. Die Alternative des 69-jährigen Chemikers: Ein ökologischer Schaumstoff, hergestellt aus Lederresten.

Schaumstoffe aus Melamin, Polyester und Polyurethan polstern Autositze, Stühle und Matratzen. Rund 200.000 Tonnen der erdölbasierten Materialien kommen in Deutschland jedes Jahr zum Einsatz. Bei Kritikern stehen die Kunststoffe allerdings in der Kritik, weil sie Additive Materialien wie Flammschutzmittel und Weichmacher enthalten, die in Räume ausdünsten. „Wir sprechen bei solchen Umwelteinflüssen von einer ernstzunehmenden Gesundheitsgefahr“, sagt der Chemiker und Elektrotechniker Wolfgang Coutandin aus Görlitz. „Untersuchen zeigen, dass 20 Prozent der heute 30-jährigen Männer wegen solcher Umwelteinflüsse zeugungsunfähig sind.“ Der 69-jährige Coutandin möchte seinen Ruhestand deswegen nutzen, um einen Ökoschaumstoff zu entwickeln. Ich habe ihn als Technik-Journalist für die VDI nachrichten interviewt und war beeindruckt. Ein pragmatischer Mann mit Idealen.

Schaumstoff verzichtet auf Flammschutzmittel

Coutandin hat die Basis für seinen Schaumstoff gefunden, als er eine Gerberei besuchte – einen Betrieb, der Tierhäute zu Leder verarbeitet. Messer, spiralförmig angeordnet, hobeln dort die Fleischseite des Leders auf die richtige Dicke. Bei diesem Falzen entstehen in Deutschland jedes Jahr 10.000 Tonnen Falzspäne – feine Lederreste, für Betriebe ein lästiges Abfallprodukt. Dem Chemiker wurde klar: Die Falzspäne sind ideale Basis für Schaumstoff. Warum? Das Material ist auch ohne Flammschutzmittel schwer entflammbar. Gesagt, getan. Der 69-Jährige zerkleinerte die Späne in seiner Garage mit Haushaltsgeräten aus der Küche und schäumte sie auf. Das Resultat: Ein Kunststoff, dessen Oberfläche ähnlich gemasert ist wie die von Holz, ein Material, das optisch mit Leder nichts mehr zu tun hat.

„Menschen riechen höchstens einen angenehmen Ledergeruch“

Aus den Zusatzstoffen macht Coutandin ein Geheimnis. Die Patentierung läuft. Nur so viel sei verraten: Die Zutaten sind nicht gesundheitsgefährdend. „Anders als bei Schaumstoffen aus Polyurethan entstehen in der Raumluft keine bedenklichen Gase aus Isocyanat und Lösungsmitteln“, erklärt Coutandin. „Menschen nehmen höchstens einen schwachen angenehmen Ledergeruch wahr.

Eco Softfibre verzichtet auf Weichmacher und Flammschutzmittel und dünstet somit keine gefährlichen Stoffe aus.

Das Material erreicht Brandschutzklasse B1 nach der Brandschutznorm DIN 4102-1, ist wasserabweisend, wärmeisolierend und recycelbar, formstabil, schallabsorbierend und leicht. Der Schaumstoff bringt lediglich 20 Kilogramm pro Kubikmeter auf die Waage. Aus einer Tonne Lederresten lassen sich rund 2.000 Quadratmeter Schaumstoff mit einer Dicke von einem Zentimeter herstellen.

Eco-Softfibre vorerst ein Nischenprodukt

Coutandin will das Produkt mit seine Firma, der eco-fibre GmbH aus Görlitz, vermarkten. Die erste Fabrik sollte eigentlich im Mai 2020 eröffnen. Doch Corona machte einen Strich durch die Rechnung. Maschinen aus der Slowakei und Tschechien blieben in den Lieferketten stecken. Um die Zeit nicht zu vergeuden eröffnete Coutandin für sein Start-up eine 400 Quadratmeter große Fertigungsstätte mit einem Technikum auf dem Innovationscampus von Siemens. Zwar macht das junge Unternehmen bislang keine Werbung. „Trotzdem spricht es sich herum und viele Unternehmen zeigen sich schon heute von dem Material begeistert.“ Und der Preis? Der Öko-Schaumstoff wird deutlich teurer sein als die meisten erdölbasierte Varianten. „Wir hatten aber auch gar nicht vor, klassische Schaumstoffe zu verdrängen. Das wäre mit einem Volumen von 10.000 Tonnen Falzspänen pro Jahr, also einem Marktanteil von maximal fünf Prozent, unmöglich. Eco-softfibre wird vorerst ein Nischenprodukt sein.“

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Patrick Schroeder (M.A.) – Technik-Journalist und PR-Texter (Schwerpunkt Technik & IT, Digitalisierung und Industrie 4.0)